Stadttheater Giessen
    „Das kunstseidene Mädchen“ zwischen Glanz und Atemlosigkeit

    „Das kunstseidene Mädchen“ zwischen Glanz und Atemlosigkeit


    „Ich bin ein ungewöhnlicher Mensch - ein Mädchen von 18 und auch sonst auf der Höhe“, sagt Doris, eine junge Frau, die nach oben will, ein „Glanz“ werden. Die Geschichte über dieses „kunstseidene Mädchen“ zwischen Aufstieg und Fall konnte am Donnerstag in der TiL-Studiobühne eine von viel Applaus gelobte Premiere feiern.

    Die Romanvorlage schrieb Irmgard Keun 1932, in dem Jahr als sie mit „Gilgi-eine von uns“ als Autorin über Nacht berühmt wurde. Auch das Einpersonenstück ist 1931/1932 in der Weimarer Republik angesiedelt. Leichtsinnig, selbstbewusst, aber auch ratlos und verunsichert ist Doris, gespielt von Irina Ries. Die heimische Provinz reicht Doris nicht, sie stiehlt einen teuren Mantel und flieht nach Berlin. Ihre diffusen Erwartungen an die Großstadt erfüllen sich nicht. „Alle wollen eine Karriere und dabei spielen so viel Hoffnungen und so viel Hunger mit“, erklärte die Verfasserin einmal. Sie wünschen sich Kleider aus Seide, leben aber höchstens von einem kleinen Angestelltengehalt. Wirtschaftskrise und zunehmende Repressionen durch die Nationalsozialisten beenden die Goldenen Zwanziger.
    Männer sind für Doris meist Ziel von scharfem Spott, so dass das Stück auch trotz aller Widrigkeiten sehr witzig ist. Doris, die den Traum von einer Arbeit als Mannequin längst begraben hat, findet ihr Auskommen schließlich am Rande der Prostitution. Sie wird zum Mädchen vom Bahnhofs-Wartesaal, dass die Mutter weinend um Verzeihung bittet. Als sie einen Mann kennenlernt, der wirklich an ihr interessiert ist, wundert und schämt sie sich angesichts der ungewohnten Zuneigung. Über das Abspielen eines Tonbands auf der Bühne werden wir Zeugen der Beziehung, was die Tatsache, dass man sich in einem Einpersonenstück befindet, verschwinden lässt.

    Hinter der mit Neonröhren beleuchteten kargen Bühne mit spiegelnd schwarzem Boden befindet sich hinter tranparenten Folien ein weiterer Raum, der das Stück um eine Dimension erweitert- der Regisseur Christian Fries nennt diesen Ort Traum- oder Erinnerungstunnel.
    Der Clou seiner Inszenierung, bei der alles kabarettistische und reveuehafte vermieden wurde, sind die choreographierten Bewegungen der wunderbaren Darstellerin. Sie schwankt zwischen naivem Überschwang und tiefer Verzweiflung. Der Rhythmus, in dem Sprache und Bewegungen weiterentwickelt werden, lässt die eineinhalb Stunden in der Studiobühne
    zwar nicht zu einer Reise ins Berlin der 30er Jahre werden, ermöglicht aber Einblick in die Vielschichtigkeit der Figur Doris. Regisseur Fries ist als Schauspieler seit vier Jahren festes Ensemblemitglied am Stadttheater. Er inszenierte „Auf dem Land“ und „I Hired a Contract Killer“ sowie zuletzt den umstrittenen „Torquato Tasso“ und hat sowohl schon mit Darstellerin Irina Ries als auch mit Marion Eiselé (Bühne und Kostüme) mehrfach zusammengearbeitet. Das merkt man, denn Ausstattung und Spiel sind sehr stimmig und berührend. Gerade auch im Kontext mit „Woyzeck“, wo Ries und Fries als Marie und Doktor zu sehen sind, entfaltet sich das Themenspektrum zwischen Prekariat und Wahnsinn.Unsichere Zeiten gab es schon immer, ob in der Großstadt oder in der Provinz. Und unsicher bleiben sie wohl auch noch eine Weile. Fiona Sara Schmidt, 25.09.2009, Gießener Zeitung